Vizekusen, ein alter Mann und ein gemeinsamer Traum

Montag, 1. März 2010

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt die Meisterschaft ist eine sehr beliebte Phrase im amerikanischen Sport. Auch im Fußball trifft sie oft zu. Mannschaften, die immer nach vorne und auf Sieg spielen, verspielen in der entscheidenden Phase der Saison oft unnötig wichtige Punkte, da sie sich mit einem Unentschieden nicht zufrieden geben wollen oder weil sie zu früh im Spiel zu viel erreichen wollen.


Ein Paradebeispiel für solche Mannschaften war über lange Zeit die Werkself von Bayer 04 Leverkusen. Die meisten Experten bescheinigen ihnen Jahr für Jahr den attraktivsten und angrifflustigen Fußball der Liga zu spielen, neben Werder Bremen. Ein zählbarer Erfolg sprang dabei aber noch nicht heraus. Zwischen 1994 und 2004 landete man sieben Mal unter den besten drei Teams. Viermal war man sogar Vize-Meister. In der Saison 2001/2002 verlor man zudem noch das DFB-Pokal Finale und das Finale der Champions League, was der Mannschaft den Spitznamen Vizekusen einbrachte.

Von diesen Teilerfolgen hat man sich in den letzten Jahren verabschieden müssen. Schmückten früher Stars wie Bernd Schuster, Rudi Völler, Ulf Kirsten, Paulo Sergio, Emerson, Zé Roberto, Lucio, Juan, Jens Nowotny, Carsten Ramelow, Stefan Beinlich, Michael Ballack, Bernd Schneider, Hans-Peter Lehnhoff, Oliver Neuville oder Dimitar Berbatov regelmäßig den Kader, so musste man in den letzten Jahren kleiner Brötchen backen. René Adler, Gonzalo Castro oder Stefan Reinartz kamen aus der eigenen Jugend. Michal Kadlec, Daniel Schwaab, Tranquillo Barnetta, Simon Rolfes, Arturo Vidal, Renato Augusto, Stefan Kießling, Eren Derdiyok und Patrick Helmes waren vor ihrem Wechsel an die Dhünn bestenfalls als Talente bekannt. Mittlerweile leiht man sich sogar Spieler von größeren Clubs, um diese zu fördern, wie Toni Kroos, der in München auf dem Abstellgleis gelandet ist und unterm Bayer-Kreuz mittlerweile groß aufspielt.

Aber dieser Haufen von Talenten hat den Kritikern von Bayer nur eins gezeigt. Man spielt schön, aber wenn es darauf ankommt die Big Points zu machen, dann versagen die Nerven. Zuletzt im DFB-Pokal Finale 2009 gegen Werder Bremen (0:1). Daher hat man in der Führungsetage bei Bayer vor der Saison etwas umgedacht. Man verpflichtet sowohl für den Trainerposten, als auch für das Spielfeld einen Altstar des Weltfußballs:

Bereits als Spieler hat Jupp Heynckes fast alles gewonnen, was man gewinnen kann. Er ist Weltmeister (1974), Europameister (1972), vierfacher deutscher Meister, Pokalsieger und UEFA-Cup Gewinner (1975). Als Trainer fügte er seiner Vita noch zwei weiter Meistertitel hinzu und mit Real Madrid gewann er 1998 sogar die Champions League. Doch zuletzt war er mit seiner Art immer wieder gescheitert und er hatte den Trainerposten schon an den Nagel gehängt, bevor ihn Uli Hoeneß in der vergangenen Spielzeit zu einem Kurzzeit-Comeback als Klinsmann-Nachfolger bis zum Saisonende überreden konnte. Völlig überraschend beerbte er dann in der Sommerpause den nach Hamburg abgewanderten Bruno Labbadia in Leverkusen.

Noch überraschender war aber die Verpflichtung von Sami Hyypiä, auch er gewann schon die Champions League und den UEFA-Cup. Nach zehn Jahren an der Anfield Road wechselte er im Sommer ablösefrei in die Bundesliga. Der 36-jährige Finne war zwar zuletzt nur noch Edelreservist bei den Reds, aber wegen seines fortgeschrittenen Alters für einen Fußballer haben die meisten Experten mit einem Karriere-Ende gerechnet.

Und genau dieses Duo sorgte für eine Wende bei der Werkself. Zwar spielt man immer noch schön und stellt zusammen mit dem FC Bayern den zurzeit besten Angriff der Liga (50 Tore) und man hat mit Kießling und Derdiyok gleich zwei Spieler in der Top-3 der Torschützenliste, aber rennt nicht mehr blind ins eigene Verderben. Dank der Ruhe, Abgeklärtheit und Übersicht eines Hyypiä hat Bayer Leverkusen diese Saison erst 20 Tore kassiert, noch kein einziges Spiel verloren und durch das 0:0 am 24. Spieltag einen neuen Bundesliga-Rekord aufgestellt. Eine beeindruckende Bilanz! Doch leider hat diese Bilanz einen kleinen Haken. Man hat zwar keine Niederlage, aber durch das Sicherheitsdenken, trotz der vielen Tore, im Team hat man auch nur 13 Spiele gewonnen und bereits ganze elf Spiele mit einem Unentschieden beendet.

Das gleiche Torverhältnis (50:20) haben auch die Münchner, die in dieser Saison bereits zweimal geschlagen wurden. Aber man hat auch schon zwei Spiele mehr gewonnen als der Konkurrent aus Leverkusen, so dass man durch den 1:0 Sieg über den Hamburger SV an diesem Spieltag zum ersten Mal seit 653 Tagen wieder die Tabellenspitze übernommen hat.

Der Schlussspurt der Saison hat angefangen. Es werden noch zehn Spiele gespielt. Wird Leverkusen endlich aus der Deckung kommen und die Bayern angreifen (am 30. Spieltag treffen beide Teams in der BayArena aufeinander), oder setzt man weiter auf die sichere Defensive um das Saisonziel (internationaler Platz) nicht doch noch zu verspielen? Eine Bundesliga-Saison dauert nun mal 34 Spiele und ob ungeschlagen oder nicht, am Ende ist Leverkusen wieder kein Meister. Vizekusen olé!

Oder kann Sami Hyypiä im Spätherbst seiner Karriere doch noch eine Landesmeisterschaft gewinnen und Leverkusen aus seinem Alptraum erwecken? Zu Wünschen wäre es beiden Seiten.

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