Legenden des Weltfußballs - Teil 7: Schnix, der weiße Brasilianer
Mittwoch, 5. Mai 2010
Um ein großer Sportler zu werden muss man in seiner Karriere auch einen großen Titel gewonnen haben. Sei es eine WM, eine EM oder ein Sieg in der Champions League. In früheren Tagen hatte auch der UEFA-Cup Sieg einen hohen Stellenwert, aber in Zeiten der Champions League ist der "Cup der Verlierer" immer weiter ins Abseits gerückt.
Sollte es international nicht zu einem Titel gereicht haben, dann sollte man wenigstens national eine kleine Sammlung an Titeln errungen haben, damit man nach seiner Karriere auch was in der Hand hat, von dem man später erzählen kann. Zu erzählen hat unsere Legende des Monats Mai sehr viel. Auch von Titeln... Nur leider nicht vom Gewinnen der Trophäen, sondern wie man sie auf der Ziellinie doch noch aus der Hand gibt!
Anfang April 2002 war die Welt im Hause Schneider noch in Ordnung. Schnix, wie Bernd Schneider von Freunden und Fans gerufen wird, ist mit Bayer Leverkusen durch ein 4:2 zu Hause gegen den FC Liverpool ins Halbfinale der Champions League eingezogen. Das DFB-Pokal Finale war über einen Sieg im Derby gegen Köln (3:1 n.V.) bereits erreicht. Und in der Liga konnte man durch ein 1:1 in Hamburg am 31. Spieltag den Vorsprung auf die Verfolger aus Dortmund auf fünf Punkte vergrößern. Alles war gerichtet, dass die Werkself den ganz großen Wurf landen kann. Endlich wollte man das Image des ewigen Verlierers ablegen und nach 1988 (UEFA-Cup) und 1992 (DFB-Pokal) wieder einen Titel feiern. Doch es kam alles anders...
In der Liga fing man das Straucheln an. Durch eine Heimniederlage am 32. Spieltag gegen Werder Bremen und einer folgenden Niederlage in Nürnberg verspielte man den Vorsprung auf den BVB und man hatte es am letzten Spieltag nicht mehr selber in der Hand, die Schale zu gewinnen. Und es kam, wie es kommen musste: man landete wieder nur auf dem undankbaren 2. Platz und war erneut nach 1997, 1999 und 2000 nur Vize-Meister. Doch in der Champions League war man weiter erfolgreich. Durch ein 2:2 im Old Trafford und einem 1:1 in der BayArena setzte man sich nach der Europapokal-Arithmetik durch und zog ins Finale in Glasgow ein.
Doch vor Real Madrid wartete zunächst noch Schalke 04 in Berlin. Trotz der 1.0 Führung konnte man das Spiel nicht nach Hause bringen und kam am Ende mit 4:2 unter die Räder. Im Hampton Park kam man vier Tage später zwar nicht unter die Räder, aber, genau wie in Berlin, musste man in der 45. Minute ein Gegentor hinnehmen und in der zweiten Halbzeit einem Rückstand hinterher laufen. Am Ende durfte man wieder nur zusehen, wie sich die Gegner über einen Titel freuen.
Für Bernd Schneider, Carsten Ramelow, Oliver Neuville, Michael Ballack und Hans-Jörg Butt war das Ende aber noch nicht erreicht. Sechs Wochen nach den verlorenen Endspielen der Champions League stand man erneut in einem Finale. Bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea traf man mit der deutschen Elf auf die Brasilianer, mit ihren Mannschaftskollegen Lucio und Zé Roberto. Und erneut mussten die meisten der Werkself-Kicker zuschauen, als der Gegner den Triumph feierte!
Aber was ist jetzt mit Spielern, eben wie Bernd Schneider? Sind sie keinen großen Fußballer, keine Weltstars, eben weil sie keinen Titel gewonnen haben? Wir sagen doch! Und ganz besonders Bernd Schneider. Wie viele Hobby- und Profifußballer kennen Finalspiele nur vom Hören-Sagen? Wie viele Fußballer hatten noch nie die Gelegenheit in einer Saison vier Titel zu holen? Manche nennen es Unvermögen, andere Pech und wieder andere die Leverkusener "Vizekusen-Mentalität", doch unterm Strich ist es einfach nur eine großartige sportliche Leistung, bei der am Ende einfach nur die Krönung verpasst wurde!
Besonders bei Bernd Schneider. Kaum ein Fußballer schaffte es in den letzten Jahren, eine ganze Nation so zu verzücken wie Schnix. Dass es nach der Saison 2002 ein Angebot vom FC Barcelona für ihn gab, kommt nicht von ungefähr. Sein Spielverständnis, seine Pässe und seine Dribblings hat man in Deutschland nur selten bei einem Fußballer gesehen. Sein Mannschaftskollege und Kapitän der Selecao, Emerson, betittelte ihn daher auch als "weißen Brasilianer".
Als leidenschaftlicher Raucher war er vielleicht nicht ein Paradebeispiel für einen Mustersportler, aber genau das machte ihn so sympathisch. Er war bodenständig, trotz seiner Erfolge. Und er war Fußballer mit Leib und Seele. Sein Langzeitplan sah eigentlich einen Abschied aus Leverkusen nach Vertragsende vor, um dann die Karriere in seiner Heimat, bei Carl Zeiss Jena, ausklingen zu lassen.
Doch auch hier machte ihm der Fußballgott einen Strich durch die Rechnung. Im Frühjahr 2008 musste er sich wegen einer Verletzung aus dem UEFA-Cup Spiel in St. Petersburg einer Bandscheibenoperation unterziehen, die ihm zunächst die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz kostete und ihn schließlich für über ein Jahr außer Gefecht setzte.
Am 16. Mai 2009 war es dann endlich wieder so weit. Beim Leverkusener "Heimspiel" in Düsseldorf gegen Mönchengladbach bekam Bernd Schneider 20 Minuten vor Spielende das Signal, dass er zur Bank kommen soll. Alle Zuschauer im Stadion erhoben sich von den Plätzen und es gab stehende Ovationen, schon alleine dafür, dass sich sein Comeback ankündigte. Zum Musikstück "Also Sprach Zarathustra" von Richard Strauss, betrat er dann zwei Minuten später für Toni Kroos das Feld. Er bekam von Interimskapitän Manuel Friedrich die Binde überreicht und machte weiter, als sei er nie weg gewesen: Keine vier Minuten war er auf dem Platz, als er den Ball genau auf den Kopf von Michael Kadlec servierte, der zum 4:0 einköpfen konnte.
Es sollten seine letzten Minuten auf dem grünen Rasen sein. Eine Woche später in Cottbus und auch beim Pokalfinale in Berlin (gegen Werder Bremen) kam er nicht mehr zum Einsatz. Nur kurze Zeit später gab Bernd Schneider seinen Rücktritt bekannt.
Im Juni 2009 habe ich mich entschlossen, die Fußballschuhe an den berühmten Nagel zu hängen. Schweren Herzens. Sehr schweren Herzens. An Hochleistungssport war nicht mehr zu denken. Das machte die Fortsetzung meiner Laufbahn unmöglich. Schließlich habe ich eine Verantwortung gegenüber meiner Familie.
Seinen endgültigen Abschied feiert Schnix, wie es sich für einen Fußballer seines Formats gehört. Mit alten Weggefährten und Freunden in seinem Wohnzimmer. Am nächsten Montag, den 10. Mai, spielt um 20:25Uhr eine Bernd-Schneider-Auswahl gegen die aktuelle Werkself. Spieler wie Carsten Ramelow, Boris Zivkovic, Oliver Neuville, Ulf Kirsten, Zé Roberto, Michael Ballack, Philipp Lahm oder Miroslav Klose haben ihre Bereitschaft signalisiert und die deutschen Nationalspieler würden auch vom DFB freigestellt. Allerdings werden wohl die noch ausstehen nationalen und internationalen Pokal-Finals die eine oder andere Absage hervorbringen.
Wenn an diesem Abend in der BayArena das Flutlicht ausgeht, dann geht eine große Karriere zu Ende. Geschmückt mit vielen Erinnerungen: zwei Abstiege aus der 2. Liga und einem Wiederaufstieg mit Carl Zeiss Jena. Das sensationelle Saisonfinale 1998/1999, als er mit Eintracht Frankfurt durch einen 5:1 Sieg über Kaiserslautern in letzter Sekunde den Klassenerhalt schaffte. Zwei Vize-Meisterschaften, zwei verlorene DFB-Pokal Endspiele und das Champions League Finale mit Bayer Leverkusen. Er stand in fast 300 Bundesligaspielen auf dem Platz, in 50 Champions League Spielen. Zudem absolvierte er 81 Länderspiele, unter anderem bei zwei Weltmeisterschaften (2002 und 2006), der Europameisterschaft 2004 und den Konföderationen-Cups 1999 und 2005.
Schnix, maach et joot! Niemals geht man so ganz...






































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