Legenden des Weltfußballs - Teil 11: El Pibe

Mittwoch, 3. November 2010

Wenn man an große Fußballer aus den 80er und 90er Jahren aus Südamerika denkt, dann fallen einem sofort die Namen Diego Maradona, Zico oder Romario ein. Doch neben diesen Größen des Weltfußballs gab es noch einen weiteren Magier des runden Leders, der mit seiner Spielweise die Fans verzauberte, auch wenn er in Europa den ganz großen Durchbruch nicht schaffte. In Südamerika, besonders in seiner Heimat Kolumbien, ist er dennoch ein Star – auch wegen seines exzentrischen Aussehens.

Carlos Alberto Valderrama Palacio wurde 1961 in der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta geboren. Schon früh fand er den Weg zum Fußball, genauer genommen zum Verein Unión Magdalena. Dort spielte sein Vater Carlos "Jaricho" Valderrama Palacio und Ruben Deibe, einer der Trainer seines Vaters, gab ihn damals den Spitznamen El Pibe – der Junge! Mit 20 Jahren gab Valderrama dann sein Debüt in der 1. Liga.
Er blieb drei Spielzeiten bei seinem Heimatverein, ehe er 1984 zu CD Los Millonarios wechselte. Mit elf Meistertiteln war der Club aus der Hauptstadt Bogotá damals der renommierteste Verein des Landes, für den auch der Argentinier Alfredo Di Stéfano spielte, bevor er zu Real Madrid wechselte. Obwohl man gut in die Saison startete, konnte Valderrama nicht überzeugen und bereits nach einem Jahr zog er weiter zu Deportivo Cali.

Der Wechsel zu Deportivo sollte die Initialzündung seiner Karriere werden. In den nächsten drei Jahren trug er das grün-weiße Trikot, doch zu einem Titel sollte es nicht reichen. Sowohl 1985 als auch 1986 musste man sich am Ende der Saison dem Stadtrivalen América de Cali geschlagen geben, die zwischen 1982 und 1986 fünf Meisterschaften in Folge gewinnen konnten. Und auch in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, scheiterte man in der Gruppenphase zwei Mal am Stadtrivalen. Doch besonders in diesem Wettbewerb machte sich El Pibe einen Namen, so dass er 1987 zu Südamerikas Fußballer des Jahres gewählt wurde. Damals wurden noch zwei unabhängige Wahlen durchgeführt, eine von der venezolanischen Zeitung El Mundo (von 1971 bis 1992, es durfte jeder südamerikanische Spieler gewählt werden) und eine von der uruguayischen Zeitung El País (von 1986 bis heute, es dürfen nur südamerikanische Spieler gewählt werden, die in Südamerika oder Mexiko spielen). Carlos Valderrama konnte beide Wahlen gewinnen, und konnte sich bei der Wahl von El Mundo gegen den in Neapel spielenden Diego Armando Maradona durchsetzen!


Wechsel nach Europa


Solch eine Auszeichnung weckt natürlich Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen. In Frankreich mischte zu diesem Zeitpunkt der HSC Montpellier mit ihrem Stürmerstar Roger Milla die 1. Liga auf. Nach dem Aufstieg 1987 konnte man als Liga-Neuling die Saison 1987/1988 auf dem 3. Platz abschließen und sich für den UEFA Cup qualifizieren. Mit dem frisch gebackenen Fußballer des Jahres in Südamerika wollte man in Montpellier den nächsten Schritt nach vorne machen. Doch die erste Saison des neuen Spielmachers verlief enttäuschend. Im UEFA-Cup scheiterte man bereits in der 1. Runde an Benfica Lissabon und in der Meisterschaft konnte man die Leistungen der Vorsaison nicht bestätigen, landete auf dem 9. Tabellenplatz. Im nächsten Jahr rutschte man noch weiter ab, doch immerhin: im französischen Pokal erreichte man das Finale in Paris! Dort spielte man gegen den als Absteiger feststehenden Verein RC Paris. Montpellier spielte unter anderem mit Laurent Blanc (erzielte das zwischenzeitliche 1:0), dem späteren Dortmunder und Bremer Júlio César und Éric Cantona, aber ohne Carlos Valderrama. Das Spiel konnte man 2:1 in der Verlängerung gewinnen, so dass Valderrama keinen direkten Anteil an seinem ersten Titel vorweisen konnte. Das war in der Runder zuvor noch anders: Beim Halbfinalsieg (1:0 über Saint-Étienne durch ein Tor von Cantona) war Valderrama der überragende Spieler auf dem Platz.
Der zweite Anlauf im Europapokal war wesentlich erfolgreicher als der erste. In der 1. Runde konnte man den PSV Eindhoven bezwingen, bevor man dann in der 2. Runde Steaua Bukarest mit 5:0 und 3:0 abfertigte. Im Viertelfinale traf man dann auf Manchester United und im Old Trafford konnte man ein 1:1 erkämpfen, doch im Rückspiel war Manchester zu stark und durch ein 0:2 schied man gegen den späteren Sieger des Wettbewerbs aus.

Doch nicht nur als Vereinsfußballer war das Jahr 1990 ein Highlight für Valderrama. Auch in der Nationalelf konnte er den bis dahin größten Erfolg der Kolumbianer feiern.


Valderrama als Nationalspieler


Debütiert hat er für die Los Cafeteros 1985 im WM-Qualifikations-Relegationsspiel gegen Paraguay. Im Hinspiel wurde er beim Stande von 0:3 kurz vor Schluss eingewechselt, konnte am Spielstand aber nichts mehr ändern. Im Rückspiel eine Woche später lief er von Beginn an auf und konnte seine Mannschaft zu einem 2:1 Sieg führen – trotzdem verlor man in der Summe und schied aus dem Wettbewerb aus.
Ein Jahr später spielte Valderrama dann sein erstes großes Turnier. Bei der Copa América in Argentinien erreichten die Kolumbianer das Halbfinale, wo sie sich, trotz einer 1:0 Führung zur Halbzeit der Verlängerung, mit 1:2 n.V. geschlagen geben mussten. Im Spiel um Platz 3 besiegte man dann noch den Gastgeber Argentinien mit 2:1 und erreichte so den bisher größten Erfolg nach dem 2. Platz bei der Copa América 1975. Diesen Erfolg konnte man mit Valderrama 1993 und 1995 noch wiederholen.

Bei der WM-Qualifikation für die Endrunde 1990 in Italien war Valderrama als Spielmacher in Kolumbiens Nationalelf etabliert und über die interkontinentalen Play-offs konnte man sich (gegen Israel) zum zweiten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. In Italien traf das Team um El Pibe in der Vorrunden Gruppe D auf die deutsche Elf. Im letzten Gruppenspiel lag man gegen die Mannschaft von Franz Beckenbauer mit 0:1 zurück und ein weiteres Gegentor würde das Ausscheiden bedeuten, doch als gerade die 3. Minute der Nachspielzeit angebrochen war, hatte Valderrama einen seiner genialen Momente. Mit einem Pass auf Freddy Rincón hebelte er die deutsche Abwehr aus und Rincón erzielte das erlösende 1:1 und Kolumbien zog als eines der drittplazierten Teams ins Achtelfinale ein. Dort traf man auf ein weiteres Überraschungsteam – die unzähmbaren Löwen aus Kamerun um seinen früheren Mannschaftskollegen Roger Milla. Ein Spiel, das in die Fußballgeschichte eingehen sollte - mit dem schlechteren Ende für Valderrama und die Los Cafeteros, die in der Verlängerung mit 1:2 verloren. Bis heute sollte dies der einzige Einzug in ein WM-Achtelfinale bleiben.


Absturz in Spanien


Nach der Weltmeisterschaft hat sein bisheriger Nationaltrainer Francisco Maturana in Spanien den Trainerposten bei Real Valladolid übernommen hat. Dorthin lockte er dann seinen Spielmacher 1991, wo er auf mit Leonel Álvarez und René Higuita zwei weitere Weggefährten der vergangenen Weltmeisterschaft an seiner Seite hatte. Doch sein Aufenthalt in Spanien war von wenig Erfolg gekrönt und am Ende der Spielzeit 1991/1992 stieg man in die 2. Liga ab. Ein herber Schlag für Valderrama, der daraufhin zurück nach Kolumbien wechselte. Dort blieb er ein Jahr bei Independiente Medellín, bevor er zwischen 1993 und 1995 bei Atlético Junior, einem Verein aus der Küstenstadt Barranquilla, zu alter Stärke zurückfinden konnte.


Wie ein Phönix aus der Asche


Atlético Junior führte er 1993 und 1995 zu zwei Meisterschaften und 1993 wurde El Pibe zum zweiten Mal als Südamerikas Fußballer des Jahres ausgezeichnet. Nach der zweiten Meisterschaft kehrte er seinem Heimatland erneut den Rücken. In den USA wurde mit der Major League Soccer gerade ein zweiter Anlauf einer Profi-Liga unternommen und obwohl Valderrama mit Kolumbien bei der WM 1994 in den USA als Gruppenletzter ausgeschieden war, sollte er eines der Zugpferde der neuen Liga werden.
Und die Erwartungen konnte er erfüllen! In der ersten Saison spielte er für Tampa Bay Mutiny. Man war das punktbeste Team der regulären Saison, doch im Conference Final unterlag man D.C. United in zwei Spielen. Trotzdem wurde Valderrama in die Elf der Saison gewählt und als MVP ausgezeichnet. Auch 1997 und 2000 wurde er in die Elf der Saison berufen. Zu einem weiteren Titel mit einem seiner Vereine sollte es aber nicht reichen. Neben Tampa Bay, für die er zwischen 1996 und 2001 insgesamt vier Jahre aktiv war, spielte er noch ein Jahr für Miami Fusion (1998) und seine zwei letzten Jahre für die Colorado Rapids (2001 und 2002). Anschließend beendete er seine aktive Karriere.

In der Nationalelf trat er schon früher zurück. Nach dem erneuten scheitern in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich trat er nicht mehr für die Los Cafeteros an – und Kolumbien konnte sich seitdem für keine Weltmeisterschaft mehr qualifizieren. Insgesamt bestritt er 111 Länderspiele und ist damit bis heute Rekordspieler Kolumbiens. In seinen 111 Spielen erzielte er elf Tor.

Zu seinen Ehren wurde in seiner Heimatstadt Santa Marta eine Statue aufgestellt. Sie ist neun Meter hoch und trägt eine blonde Perücke, die an die außergewöhnliche Frisur von El Pibe erinnert. An seinen Haaren und blonden Oberlippenbart kann man ihn heute noch erkennen, den ansonsten unscheinbaren Star aus Kolumbien!

 Carlos Valderrama Statue, Santa Marta, Kolumbien
Quelle: commons wikimedia, User:Chien

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